Mercatores Lucis

Scientia sine arte nihil est;
ars sine scientia nihil est.
Jean Vignot (1392)
 
Die Religionen zerstreuen sich wie Nebel,
die Zarenreiche zerstören sich von selbst, aber
die Arbeiten des Gelehrten bleiben für alle Zeiten.
Das Streben nach Wissen ist die Pflicht eines jeden !
Ulugh Beg (1394-1449), SWR 20230306

Judith Nisse Shklar

*1928/9/24 @ LV - Riga
†1992/9/17 @ USA - Cambridge, Massachusetts


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… the end of my childhood

« By 1939 I already understood that books, even scary ones, would be my best refuge from a world that was far more terrible than anything they might reveal. And that is how I became a bookworm. It was also the end of my childhood. »
« I […] am convinced that just those intellectual bonds that identify that diverse group—skepticism, autonomy and legal security for the individual, freedom and the discipline of scientific inquiry—are our best hope for a less brutal and irrational world. My favorite is Montesquieu, the most authentic voice of the French Enlightenment … »


   A Life of Learning, American Council of Learned Societies, Washington, D.C., April 6, 1989

We fear a society of fearful people.

« Of fear it can be said that it is universal and it is psychological. It is a mental and physical reaction common to animals as well human beings. To be alive is to be afraid, and much to our advantage in many cases, since alarm often preserve us from danger.
The fear we fear is of pain inflicted by others to kill and maim us, not the natural and healthy fear that warns us of avoidable pain.
And when we think politically, we are afraid not only for ourselves but for our fellow citizens as well.
We fear a society of fearful people. »


   "The Liberalism of Fear", in Liberalism and Moral Life (ed.) Nancy L. Rosenblaum (Chicago and London, Chicago University Press, 1989), p.29.

Ideologies of Agreement

Analyzing others’ ideology with an eye on one’s own is […] Shklar’s main methodological rule.

« … what on earth is so impressive about agreement and unity?
… a defense of social diversity, inspired by that barebones liberalism which, having abandoned the theory of progress and every specific scheme of economics, is committed only to the belief that tolerance is a primary virtue and that a diversity of opinions and habits is not only to be endured but to be cherished and encouraged
… [there is] vast qualitative difference between the sloganlike utterances that act as cohesives for mass parties and the reflections of the great political theorists of the past and the work of the best contemporary social scientists. »


   Bajohr, Hannes - On Liberal Disharmony - Judith N. Shklar and the Ideology of Agreement (2020)

Die Verletzung eines anderen ist ein Angriff auf mein Gewissen.

   Vortrag Gewissen und Freiheit, den Judith N. Shklar am 22. März 1990 an der University of California in Berkeley hielt.

« … Das Erste, was ich zeigen möchte, ist, dass das Gewissen ein sehr seltener und sehr eigenartiger Grund ist, öffentlicher Autorität zu gehorchen oder sich ihr zu widersetzen. …

Und so werde ich daran festhalten, dass mit Sokrates das Gewissen zum ersten Mal in einem philosophischen Text auftrat. …

Meistens ging es weniger um das Gewissen als um gespaltene Loyalitäten. … Der Kampf zwischen der Kirche und dem Staat ist im Prinzip unabschließbar, weil er einen Konflikt zwischen Loyalitäten beinhaltet. … aber die Eide, die vom Mittelalter an für die Verpflichtung solche Wichtigkeit erlangten und nach denen wir auch heute noch geradezu süchtig sind, waren ganz anderer Natur. Sie wurden auf Gott abgelegt und durch ihn garantiert … Noch komplizierter wird das Ganze, wenn man dazu noch entscheiden muss, welche die wahre Kirche ist. …

Der frühneuzeitlichen Produktion von Gesellschaftsvertragstheorien wurde zuerst durch Humes vernichtende Kritik ein Dämpfer verpasst …

[…] bei Henry David Thoreau haben wir es mit dem vollendeten Gewissensmenschen zu tun, weshalb er heute, da das Gewissen nicht länger an Religion gebunden ist und keine weitere gesellschaftliche Loyalität darstellt, so wichtig geworden ist. […] es war die Last des Gewissens, des höheren Selbst, die Thoreau ins Gefängnis gehen ließ. …

Ich verstehe nicht, warum etwa Michael Walzer der Meinung sein kann, ein für ein „Wir“ artikulierter Anspruch sei in sich bereits einem Anspruch überlegen, der im Namen eines „Ich“ vorgebracht wird. Wir haben ebenso oft unrecht, nur sind wir dabei wesentlich schwerer zu überhören. Warum sollte mein Gewissen weniger relevant sein als eine Gruppenideologie, wenn ich mich weigere etwas zu tun, das mir als ausgewiesen böse erscheint? Wenn es so etwas gibt wie eine Pflicht sich selbst gegenüber, dann besteht sie genau hierin. …

Es ist sehr wohl möglich, dass sich das als eine Form von Selbstbefreiung wahrgenommene Gewissen in manchen Fällen selbst als notwendiger Schritt auf dem Weg zur Befreiung anderer zu rechtfertigen vermag. …

Mich treibt um, dass eine Theorie der Freiheit, die ich für richtig halte, dem Gewissen dennoch ziemliche Schwierigkeiten bereitet. …

Rechte sind keine Bedingungen der Freiheit, sie haben einen unabhängigen Wert. Sie sind keine Befreiung, sondern ein andauernder Prozess, der anerkennt, dass wir eine Vergangenheit der Sklaverei haben und den ewigen Drang, sie in unterschiedlichem Gewand gegen bestimmte Gruppen fortzuschreiben – zu Anfang schwarzen Sklaven. Es ist eine Freiheit, in der ein jeder, der den Anspruch auf ein Recht erhebt, weiß, dass Freiheit als Kontrapunkt zur Sklaverei existiert. …

Der Glaube, die Überwindung der eigenen niedrigen Neigungen müsse in totaler Herrschaft enden, ist eine Perversion positiver Freiheit […]. Das ist keine Bedrohung der Freiheit, sondern, wie ich sagen möchte, eine ihrer Inspirationsquellen. …

Jeder Abolitionist bemerkte die erbitterte Leidenschaft für persönliche Freiheit unter den Herren. Sobald man sie in irgendeiner Hinsicht herausforderte, riefen sie aus, dass sie versklavt würden. Waren es Zölle, Steuern, Streitigkeiten um Gebiete oder Repräsentation, stets sahen sie unmittelbar ihre Rechte in Gefahr und der Ruf „Wir werden versklavt!“ gehörte zum ständigen Inventar ihrer Rhetorik, gerade, als sich in der aufkommenden Arbeiterbewegung im Norden das Schlagwort von der „Lohnsklaverei“ auszubreiten begann. Dies war das Gespenst, das unter ihnen umging, welches aber auch ihre Freiheit definierte. Sicherlich bestand der hauptsächliche Verwendungszweck negativer Freiheit darin, die schwarze Bevölkerung zu versklaven. […] Niemand besaß je mehr negative Freiheit als die Sklavenbesitzer auf ihren Gütern. …

Lincoln wuchs in der Temperance Era auf. Er glaubte an freiwillige, nicht an gesetzlich vorgeschriebene Alkoholabstinenz, und an die graduelle, nicht die [plötzliche] Abschaffung der Sklaverei, die er für schlicht falsch hielt. Mich interessiert hier das folgende seiner Argumente: Sowohl Alkoholismus als auch Sklaverei erlegten unserer Freiheit in gleicher Weise Schranken auf, weil sie unsere moralischen Fähigkeiten begrenzten. […] Zur Beendigung beider ist Selbstüberwindung nötig. …

Dennoch wollte ich mich auf Rechte als eine moralische Idee konzentrieren, weil sie die beiden Freiheiten in sich vereinigen. Das Recht selbst bedeutet nicht nur die Ausübung meiner negativen Freiheit, sondern auch einen Anspruch gegen jene, die mich und andere zu unterdrücken geneigt sind. Es verlangt positive Maßnahmen, um den Unterdrückern Einschränkungen aufzuerlegen, weil solche Unterdrückung falsch ist und weil Regierungen dazu da sind, sie zu verhindern. Das Gesetz, das diese Maßnahmen fordert, ist aber selbst ein Ausdruck positiver Freiheit, einer Haltung, die es für unmoralisch hält, dazusitzen und nichts zu tun, wenn ein menschliches Wesen in unserer Mitte misshandelt wird. Die Verletzung eines anderen ist ein Angriff auf mein Gewissen. Handeln wir nicht, die negative Freiheit aller aufrechtzuerhalten, wird das unser Gewissen umtreiben. Oder es sollte es zumindest – und wenn das der Fall ist, werden wir uns nicht so frei fühlen, wie dann, wenn dieses Gewissen ruht; wir werden positiver Freiheit ermangeln. »


in Themenheft zur politischen Theorie von Judith N. Shklar / ZPTh – Zeitschrift für Politische Theorie, Jahrgang 9, Heft 2/2018, s.a. pdf(s)